Raum zum Scheitern?!

Wie sieht Deine Arbeitskultur aus? Deine Alltagskultur? Hast Du Raum zum Scheitern? Gerade zu einer Zeit in welcher Agilität, Digitalisierung und viele weitere Begrifflichkeiten durch die Flure der Unternehmen hallen fällt auch immer wieder der Begriff der Fehlerkultur. Ich habe oft wahrgenommen, dass jene Menschen, welche von Fehlerkultur sprechen von einer Erlaubnis Fehler machen zu dürfen reden.

Fehlerkultur beschreibt an und für sich nur wie mit Fehlern, Risiken von Fehlern und deren Folgen umgegangen wird (https://de.wikipedia.org/wiki/Fehlerkultur). Ein Unternehmen kann Fehler also auch weniger toll finden und nicht in Lobeshymnen einstimmen und eine Fehlerkultur haben. Die ist dann eben wenig konstruktiv und positiv ausgeprägt. Dennoch ist das eine Fehlerkultur.

Oft gebrauchen wir den Begriff als Synonym für die „Erlaubnis Fehler machen zu dürfen“. Das bedeutet für die meisten unter uns nicht weniger als im Fehlerfall nicht gescholten oder gelobt zu werden, sondern diesen zu akzeptieren und weiter voranzuschreiten. Die meisten Menschen mit welchen ich dieses (oder ein ähnliches) Gespräch führe bringen einen fast schon zurecht gelegten Einwand: „Aus Fehlern lernt man“. „Nur durch Fehler wird man besser“. „Fehler sind gut um sich zu verbessern“.
Macht das Fehler wirklich besser? Wird Scheitern nun zu erhöhter Endorphinausschüttung führen und uns in Ekstase verfallen? Mitnichten, denn Scheitern fühlt sich schlecht an. Und das ist auch völlig in Ordnung. Mit Sicherheit gibt es vielfältige Gründe warum sich für uns Scheitern schlecht anfühlt. „Ja richtig und genau das Gefühl wollen wir nicht mehr“, wird sich der ein oder andere Leser denken. Und ich kann das verstehen. Wegdiskutieren kann ich dennoch nicht, dass sich eine Niederlage für mich schlecht anfühlt und vermutlich auch noch lange Zeit schlecht anfühlen wird.

Scheitern hat für mich zwei Seiten, insbesondere wenn ich im Unternehmenskontext denke. Eine empathische Seite und eine sachliche. Empathisch betrachtet möchte ich für Fehler nicht gescholten werden. Ich weiß natürlich, wenn ich einen Fehler gemacht habe und ich erwarte auch von jenen die einen machen, dass sie sich und anderen diesen eingestehen. Wirklich hilfreich erscheint es für mich nicht, wenn ich darauf dann noch mehrfach hingewiesen werden oder ggf. belehrt. Ich möchte diesen Fehler korrigieren dürfen und verzeiht bekommen – dann muss ich mich natürlich nicht mehr schlecht fühlen. Sowas gehört für mich aber nicht spezifisch in den Raum zu Scheitern, sondern zum selbstverständlichen Umgang von Mensch zu Mensch.

Viel spannender ist aber die sachliche Seite. Wir alle wissen, Fehler sind unvermeidlich und wir müssen mit ihnen umgehen (ich hoffe jedenfalls schwer, dass wir wenigstens diesen Standpunkt in unserem Ökosystem begriffen haben). Hier kommen wir wieder zum Lernen aus Fehlern. Natürlich, soll ich aus Fehlern lernen. Das macht sie noch nicht unbedingt besser. Der aktuelle Trainer des FC Zürich (Ludovic Magnin) bringt für mich eine interessante Sichtweise in diese Diskussion: „Wir haben Erfahrung gesammelt – Wir lernen aus Niederlagen. Das regt mich auf. An einer Niederlage kann man nichts Schönes sehen. Die Mannschaft soll sich nicht nur über dieses Spiel freuen. Sie soll wissen, dass wir auch da richtig was zu verlieren haben.“ – Rumms. Niederlagen fühlen sich schlecht an. Wenn ich einen Fehler gemacht habe, eine Niederlage erlitten, gescheitert bin – dann bleibt mir nichts anderes übrig, als daraus zu lernen. Das ist mit die einzige positive Sichtweise, die mir bleibt. Mir bleibt nur Lernen übrig.

Was hat das nun aber mit einem Raum zum Scheitern zu tun? Mit erlaubten Fehlern? Meiner Ansicht nach kommen wir hier in ein Konstrukt in welchem Fehler bewusst eingegangen werden. Was, wer will denn sowas? Spielen wir den Gedanken einfach zu Ende. Wir nehmen uns ein Ziel vor, sind uns aber unsicher wie wir es erreichen können. Wir haben nun oberflächlich betrachtet drei Möglichkeiten:

  1. Aufgeben
  2. Analysieren & Planen
  3. Starten & Ausprobieren

Option 1 (Aufgeben) kann man wählen. Keine Niederlage, aber garantiert auch kein Erfolg. Option 2 (Analysieren & Planen), kennen wir. Wir investieren viel Zeit in ein Rezept und einen Plan und am Ende soll ein Flughafen in Berlin zur richtigen Zeit für nicht zu viel Investition errichtet sein. Option 3 (Starten & Ausprobieren): Wir akzeptieren, dass wir nicht wissen wie wir das Ziel erreichen, aber eine Idee haben wie die ersten Schritte aussehen können. Also starten wir diese ersten Schritte mit dem Ziel unserem Ziel näher zu kommen und zu lernen wie wir es erreichen können. Schritt für Schritt. Als Wanderer weiß ich nicht wie mein 1241 Schritt aussehen wird. Und tatsächlich weiß ich das auch erst bei Schritt 1240. Perfekt, ich lerne direkt wie mein weiterer Schritt aussieht, um das Ziel zu erreichen. Möglicherweise heißt das für mich umdrehen, neu ausrichten, Kurs korrigieren.

Bewusstes Lernen durch Experimentieren, Hypothesen aufstellen und validieren. In Kauf nehmen, dass nicht jede meiner Annahmen direkt ins Schwarze trifft, sondern falsch sein kann. Bewusst davon ausgehen, dass ich in Annahmen denke und nicht in Fakten. Das ist meiner Ansicht nach der Raum zum Scheitern, den es braucht. Niemand muss sich freuen, wenn er sich aufgrund einer Niederlage schlecht fühlt. Immerhin gehört der Umgang mit Scheitern und das verbundene Gefühl damit auch zu unserem Kulturkreis in welchem wir aufgewachsen sind. Man munkelt in Japan, insbesondere bei Toyota applaudiert die ganze Produktionshalle (wie auch immer Roboter applaudieren) wenn das Band angehalten wird und ein Fehler festgestellt, weil das bedeutet, dass Raum zur Verbesserung gefunden wurde.

Scheitern macht keine Freude. Scheitern muss nicht mit Jubelstürmen begleitet werden, scheitern darf weh tun. Scheitern darf aber nicht stigmatisiert werden – immerhin handelt es sich hierbei bei jedem Unterfangen immer um eine real mögliche Situation. Wir scheitern nicht gern. Sobald wir uns aber in einem Raum mit Ungewissheiten bewegen, ist es für uns unvermeidlich. Und um in diesem Raum voranzukommen bleibt nur eines übrig. Mutig sein, Schritte wagen, Fehler akzeptieren und zur Kurskorrektur verwenden.

Kolumbus wollte damals einen neuen Handelsweg nach Indien aufzeigen und hat den amerikanischen Kontinent entdeckt. Er ist bewusst in die entgegengesetzte Richtung los gesegelt und hat Indien nie erreicht. Im Rückblick, auf das was er vorgefunden hat, ist er wirklich gescheitert? In seiner Mission eine neue Handelsroute nach Indien zu finden, ja. Aber hat er nicht großartiges gelernt?

Nicht nur (aber insbesondere) als Führungskraft, als Leader von morgen (oder vielleicht schon von heute?) muss ich mir im Umgang mit Fehlern bewusst sein, wie lasse ich diese zu, wozu nutze ich sie. Wie fühlen sich meine Kollegen und meine Mannschaft und wie finden wir gemeinsam einen Weg unser Ziel zu erreichen. Mit offenen Augen und Gedanken, explorativen und innovativen Ideen, ohne Schranken und Grenzen, mit voller Kraft voraus. Oder wer will die Person sein die den amerikanischen Kontinent entdeckt hat, umgekehrt ist und die Mission als gescheitert erklärt?

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