Führen mit Auftrag – Warum, nicht wie!

Ich saß am 23.12. mit einem Leutnant der deutschen Bundeswehr beim Abendessen. Durch unsere gemeinsame Verwandschaft hatten wir uns auf einem Familienfest getroffen. Auf der Suche nach Gesprächsthemen sind wir auf unsere Berufe kommen. Ich hatte mir durch diverse Trainings fest vorgenommen interessiert und motiviert nachzufragen um zu lernen. Mein Gegenüber kam mir aber zuvor und fragte nach meinem beruflichen Alltag. Begeistern begann ich von Agilität zu erzählen bis ich an den Punkt kam: „Hey, das kann für Dich ja nichts neues sein, vieles hat doch seinen Ursprung und seine Ideen im Militär.“

Wie aus der Pistole geschossen antwortete er: „Klar, das ist Führen mit Auftrag, klappt bei uns super im Feld, wenn unsere Aufbauorganisation außen herum auch so denken würde. Ist aber eben eine Bundesbehörde.“, bemerkte er, offenbar infiziert durch meine Begeisterung an Agilität.

Von Führung und Durchführung

Schon vor einiger Zeit, noch in meiner Zeit als hauptberuflicher Softwareentwickler, wurde ich mit einem Prinzip aus dem Militär konfrontiert. Ich hatte mir das Buch „Lean Software Development“ zugelegt und mich durch die Prinzipien geackert.

Hierbei war mir ein Punkt ganz besonders ins Auge gestochen, aus den Management Prinzipien der U.S. Marines. Die Marines haben hiernach keinen echten Existenzgrund. Es gibt die Army, Navy, die Air Force. Alle ausgerüstet notwendige Aufgaben zu erledigen. Die Marines hingegen sind spezialisiert im Umgang mit Chaos. Alles ist auf Hochgeschwindigkeit und Umgebungen mit hoher Komplexität ausgelegt. Das bedeutet konkret:

  • Marines planen, sie sagen nicht vorher.
    Die Planung dient dazu die Essenz der Situation, des Szenarios zu verstehen, Stärken und Schwächen zu erkennen. Es geht nicht darum eine präzise Vorhersage zu treffen wie sich die Mission entwickeln wird.
  • Entscheidungen werden dort getroffen wo die besten Informationen existieren.
    Sobald eine Mission gestartet wurde und die organisatorische Struktur zusammenbricht haben nur noch die Menschen an der Frontlinie Zugriff auf die aktuellsten und genausten Informationen. Es wird erwartet, dass genau diese, basierend auf diesem Wissen Entscheidungen treffen. Es wird erwartet, dass sie Fehler machen. Die Theorie dahinter ist, dass sie weniger Fehler machen, als Offiziere die aus der Entfernung entscheiden. Fehler werden daher nicht bestraft, sie sind Teil des Prozesses herauszufinden welche Grenzen eingehalten werden müssen und welche nicht.

Es gibt noch jede Menge weiterer Prinzipien im U.S. Marine Chor, dennoch sind mir diese zwei im Kopf geblieben. Als agile Denker kommen uns diese Dinge direkt bekannt vor.

Ich will nicht auf Vergleiche der U.S. Marines und der Deutschen Bundeswehr eingehen. Mein Gesprächspartner eröffnete mir zwar, dass es sich hierbei nicht um das Gleiche handeln würde, ein paar Gemeinsamkeiten sind dann aber doch aufgekommen.

Führung mit Auftrag

Laut Wikipedia bedeutet das:

„Der militärische Führer gibt den Soldaten das Ziel, meist noch den Zeitansatz und die benötigten Kräfte vor. Auf Basis dieser Rahmenbedingungen verfolgt und erreicht der Geführte das Ziel selbständig. Dies bedeutet, dass der Ausführende in der Durchführung des Auftrages weitgehend frei ist.“

Auch hier geht es meinem Verständnis nach darum, einem gemeinsamen Ziel zu folgen. Die Entscheidungen an welcher Stelle wie vorgegangen wird, aber immer demjenigen überlassen wird der die Entscheidung mit den bestmöglichen Informationen treffen kann.

„Von besonderer Bedeutung für den Erfolg des Führens mit Auftrag ist, dass die unterstellten Führer die Absicht der übergeordneten Führung kennen und so ausgebildet sind, dass sie hieraus für sich im Rahmen der Auswertung des Auftrages eigenes Handeln im Sinne der übergeordneten Führung ableiten können. Daher brauchen nachgeordnete Führungskräfte eigene Urteils- und Entschlusskraft, und sie müssen bereit sein, selbständig und verantwortungsbewusst zu handeln. „

Vision, Mission und Umsetzung

Das Wissen über innere Führung, Motivation und Urteilsfähigkeit ist im Militär offenbar eine absolute Selbstverständlichkeit. Wenn wir nun noch Simon Sinek hinzuziehen der sinngemäß sagt: „Natürlich läuft es bei uns falsch, wenn wir mit Boni belohnen wer anderen in den Rücken fällt, anstatt demjenigen der selbstlos geholfen hat mit einem Abzeichen zu ehren. Wir machen es schlicht und ergreifend falsch.“

Für unsere Führer bedeutet das loszulassen. Sich zu entlasten, Entscheidungen und Urteilen unserer Teammitglieder und Mitarbeiter zu vertrauen. Es bedeutet voranzugehen, als Vorbild, mit einer Vision, eine Mission aussprechen zu können und Menschen zu vermitteln.

Viele Führungskräfte ziehen innerlich parallelen zum Militär. Sie sehen Befehle, Ausführung ohne in Frage stellen, blinder Gehorsam, Macht, Status. Aber mit Verlaub, das ist Rosinenpickerei. Wenn wir uns schon an diesem Gedankengut bedienen, dann auch vollständig. An Eigenverantwortung, Urteilsvermögen, Vertrauen. Die Fähigkeit eine Richtung vorzugeben und nicht in Micromanagement und Detailarbeit eingreifen zu wollen, und vor allem: Fehler bewusst in Kauf nehmen und zu lassen. Wissen, dass die besten Entscheider die sind, welche die Informationen die dazu notwendig sind aus erster Hand haben. Diejenigen welche sich direkt im Problemkontext ihrer Mission befinden. Loslassen, Freiheit einräumen, Vertrauen, Vorbild sein.

Dem Thema „Führung als Vorbild“ hat sich Marcus Raitner in einem Blog Post angenommen den ich zum Abschluss noch ans Herz legen möchte.

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